Rezension: Böszörményi, Zoltán – “In den Furchen des Lichts”

Roman
Aus dem Ungarischen von Hans-Henning Paetzke
Verlag Mitteldeutscher Verlag Halle, 2016
ISBN: 978-3-95462-730-1
Originaltitel: Regál, 2011
Bezug: Preis: Buchhandel, 24,95 Euro

Durch Erinnerung sich der Vergangenheit stellen – und sich befreien:
2016 konnten wir gleich zwei spannende autobiografisch gefärbte Fluchterzählungen ungarischer Autoren lesen: Im August erschien Akos Domas „Der Weg der Wünsche“. Hier schildert er romanhaft die Flucht seiner Familie Mitte der 70er Jahre aus dem kommunistischen Ungarn, die Schwierigkeiten im italienischen Lager, die Behandlung der Flüchtlinge als Menschen dritter Klasse, die beginnende Entwurzelung und die Irritationen an fest verankerten Werten.
Im September kam Böszörményis „In den Furchen des Lichts“ heraus. Auch er führt die Gründe seiner Flucht aus einem kommunistischen Land an, hier Rumänien, in den frühen 80er Jahren und seine Ankunft in einem Zwischenlager des „Gelobten Westens“.
In beiden Romanen geht es nicht nur um die äußeren Umstände der Flucht, sondern auch um den inneren Zwiespalt, der bereits in der Nähe der Grenze beginnt, als die Flüchtlinge am liebsten noch einmal umgekehrt wären ins warme Nest der Familie.
Auch Böszörményi blickt immer wieder zurück auf sein Leben vor der Flucht, vornehmlich in Träumen und Albträumen.
Rumänien, das Land aus dem er floh, wird nicht ein einziges Mal genannt, doch man muss nicht erst in der Biografie des Autors lesen, um zu wissen, um welches kommunistische Land in den 80er Jahren es sich handelt, wo die Geheimpolizei (Securitate) einem angeblichen Staatsfeind mit einem tödlichen Verkehrsunfall droht, seine Bürger fertig machen will, in ständige Verfolgungsangst versetzt und damit gleichzeitig alle Angehörigen und Bekannten.
Das Buch ist nicht nur bemerkenswert, weil es gerade richtig zu kommen scheint in unsere Zeit der großen Flüchtlingsströme mit ihren Schicksalen von Ungewissheit, Heimatlosigkeit und Fremdheit, sondern auch, weil Flucht an sich ein literarisches Thema ist, das durch alle Jahrhunderte gegenwärtig ist.
Der Verlag schreibt in seiner Information: „Ein lebensnahes Psychogramm der Flüchtlings- und Lagerrealität“. Vieles ähnelt den heutigen Fluchten: Die Unmöglichkeit in der Heimat zu bleiben, die Angst, die Gefährlichkeit der Flucht; die unfreundliche, gleichgültige Aufnahme im Lager, das Warten auf Bewilligung des Asylantrages; die Reibereien im Lager untereinander, die dünnhäutigen Nerven, die Gereiztheit, ja, sogar Angriff und Mord. Und immer wieder aufkeimende Hoffnung und überschäumende Freude über eine Bewilligung – und die Leere danach; das Hin- und Hergerissensein, die quälenden Gedanken an die Zurückgebliebenen und ihr ungewisses Schicksal, die nagenden Zukunftsfragen, die Ablehnung und das Misstrauen der Einheimischen und das ständige Bewusstsein, als Mensch kaum noch etwas wert zu sein, hochnäsig, abschätzig und gleichgültig behandelt zu werden.
Ein junger Mann, Ingenieur und Familienvater, gerät ins Visier der Geheimpolizei, die ihn nicht nur bespitzelt, verhört, sondern ihm auch offen droht. Sein weiteres Leben ist von Angst überschattet, bis er von jetzt auf nachher in einem Herbst beschließt aus dem Land zu fliehen. Er will auch vor sich selber fliehen, vor seiner Angst, die ihn schon seit Langem beherrscht.
Angekommen im Westen, wird er ziemlich barsch und unfreundlich in ein Gefängnis zu wirklichen Verbrechern gesteckt, bis sich seine Personalien geklärt haben. Den Zellenkumpanen gelingt es auch, ihn fast zu ermorden– nur so – um ihren Frust auszutoben. Die Gleichgültigkeit des Wachpersonals ist erschreckend. Ein Mitflüchtling, Schnurri, nimmt sich seiner an, bis sie in ein Asylantencamp kommen und einen Lagerausweis erhalten. Vorsichtige Freundschaften unter Landsleuten bahnen sich an: Sie alle wollen weg, fühlen sich politisch verfolgt, möchten endlich frei und ohne Angst leben. Unter ihnen auch Großmäuler, wie z. B. Mathi, der genug Geld hatte, um im Zug zur Grenze zu fahren, sich im Taxi ins Lager bringen zu lassen; der eine Verlobte in Australien hat, die ihm den Fug bezahlt und auch schon Arbeit für ihn gefunden hat. Trotzdem bändelt er mit einer jungen Frau im Lager an. – Ein Hans-Dampf in allen Gassen. Nicht so unser Flüchtling, dessen Name, Tamás, erst ganz zum Schluss genannt wird: Er will arbeiten, den Kontakt zu seiner Familie nicht abreißen lassen. Das erweist sich aber als unmöglich. Außer seinen Ansichtskarten kommt dort nichts an, weder das Lebensmittelpaket, das er geschickt hat, noch die Telefonversuche, die unterbrochen werden.
Zweifel bemächtigen sich seiner immer wieder: Kann man von vorn beginnen, was nie zuvor existiert hat? Beziehungsweise so, wie es einst geschehen ist? Die Erinnerung verändert das einmal Geschehene. Die Wirklichkeit der Zeit täuscht mein Bewusstsein, damit ich nicht bemerke, dass das Seiende lediglich eine Wiederholung des Gewesenen ist….
Auch damals durften die Lagerinsassen keine Arbeit annehmen. Und trotzdem sind sie auf Arbeit angewiesen, wenn sie nicht eigenes Geld mitgebracht haben. Sie wollen ihre Familien unterstützen, sich Kleidung kaufen, da sie außer der, die sie während der Flucht anhatten, nichts haben, oder sich zusätzlich zum Kantinenessen, etwas leisten. Die Schwarzarbeiter werden ausgenutzt, bekommen wenig, werden meist unfreundlich und herablassend behandelt, sogar um ihren Lohn geprellt, als die Polizei gemeinsame Sache mit dem Arbeitgeber macht.
Doch auch erfreuliche Zeichen von Mitmenschlichkeit kommen zum Vorschein: Tamás wird von einem Rentnerehepaar, bei dem er Holz spaltet, zum Essen eingeladen, ganz wie einer, der dazu gehört.
Die Flüchtlinge, die zum Teil schon monatelang auf ihre Bescheide warten, haben immer wieder das ohnmächtige Gefühl, Willkür und Zufall ausgesetzt zu sein. Olga, eine Frau in der Verwaltung, zeigt Mitgefühl: Keine Möglichkeit, Berufung einzulegen. Das ist der reinste Menschenhandel. Wenn du jung bist, Familie und eine gute Ausbildung hast, noch dazu einen Beruf, der im betreffenden Land gefragt ist, dann hast du große Chancen, dass dein Antrag positiv beschieden wird.
Und immer wieder gibt es Rückschläge: Nicht nur, dass er nicht eingeladen wird, bei der australischen Botschaft vorzusprechen, wie er es sich gewünscht hat, um eine möglichst große Strecke zwischen seine alte Heimat und die Zukunft zu legen, er schwebt auch tagelang im Ungewissen, ob ihn Kanada trotz eines erfolgversprechenden Interviews einreisen lassen wird, da man bei Röntgenaufnahmen Schatten auf seiner Lunge gefunden hat. Tuberkulose?
Ihn, wie die anderen auch, quält, trotz der vielen Menschen im Lager, die Einsamkeit, das Bedürfnis nach zwischenmenschlichem Kontakt. Zu gern wäre er so leichtlebig wie seine neuen Freunde und würde sich an ein Mädchen kuscheln, zu gern würde auch er sich anlehnen, doch seine „Auserwählte“ hat schon einen Verlobten in Amerika – und bleibt standhaft. Das schlechte Gewissen plagt ihn: so leicht vergisst er seine Frau und seine beiden Jungen zu Hause?
Ein Traum, ein Gefühl zwischen Wachen und Schlafen, in einem Lichttunnel, in Lichtstreifen, schwebend, ohne Halt, heimatlos und einsam in einer Welt, die Gedanken und der Wille in den Lichttunneln dem Zufall preisgegeben, drückt seine Empfindungen in dieser Zeit aus.
Immer wieder ist es die Angst, die er beschreibt, sein Leben vor der Flucht, sein Leben während und nach der Flucht. Nur wenige Momente gibt es, in denen er sich sicher und fast unbeschwert fühlt, bis er endlich in den Transferbus zum Flughafen einsteigen kann.
Hier, im Roman, ist der Flüchtling Ingenieur, der tatsächliche Autor war zur Zeit seiner Flucht aber Literat, der wegen „nationalistischer Äußerungen“ zu Gunsten Ungarns in den Focus der Securitate geriet.
Dass er nach über 20 Jahren wieder zu seiner ursprünglichen Liebe, der Literatur, zurückgekehrt ist, merkt man an vielen poetischen Formulierungen, die manchmal so gar nicht in den harten Flüchtlingsalltag passen wollen. Sie geben aber das Lebensgefühl des jungen Flüchtlings im Rückblick wieder, der gezwungenermaßen gerade aufgehört hatte zu schreiben: Die Sonne sitzt auf dem Hügel, als wollte sie von dort nie herunterkommen. – Auf dem Rücken des Winds galoppiert der Herbst mit zerzaustem Haar durch die sehnsuchtsvollen Büsche.

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