Rezension: Darvasi, László – “Wintermorgen”

Novellen
Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer
Verlag Suhrkamp Berlin, 2016
ISBN: 978-3-518-42552-7
Originaltitel: Isten. Haza., 2015
Bezug: Buchhandel, Preis:24 Euro

Welch ein Gegensatz! Hinter einer überaus poetischen, manchmal fast romantisch anmutenden Sprache lauern Grausamkeiten, Lieblosigkeit, Gewalt und Mord. In seinen 35 Novellen führt uns Darvasi schutzlos lakonisch und prägnant in menschliche Abgründe von Zusammenleben und Einsamkeit, in problematische Familien mit behinderten Kindern, zu pflegebedürftigen Angehörigen, zu Säufern und Schlägern.
In all seinen Geschichten holt Darvasi bei aller Lakonie so weit aus, dass er das Umfeld seiner Protagonisten detailreich beleuchtet, ihre Überlegungen, ihre gegenwärtige Situation, ihre Vergangenheit. (Was hat ihn zu diesem Menschen gemacht?). Aber er erhebt keinen moralischen Zeigefinger, lässt die Geschichten einfach so stehen: so sind die Menschen eben.
Dabei ist es eher schwierig, die Novellen nachzuerzählen – der Leser muss sie einfach auf sich wirken lassen, denn wie in seinen früheren Novellen muss der Leser auch hier nicht alles verstehen, was zuweilen so fantastisch und surrealistisch daher kommt. Auch hier wieder zeigt Darvasi das Böse, das hinter scheinbarer Alltäglichkeit und Ehrbarkeit lauert: Der ganz normale Wahnsinn, der achselzuckend hingenommen und weil er schon zum Ritus, zum festen Bestandteil gehört, als unausweichlich empfunden wird.
Abgelöst werden Hinterhältigkeit und Grausamkeit von einigen wenigen bittersüßen Novellen, wie z. B. der Erzählung vom Kesselmann, der alles verbrennt, was hinterbliebene Angehörige von Verstorbenen nicht mehr aufbewahren wollen. Ausgerechnet in „Márta, die schon einmal in Asien gewesen“ sein soll – eine eher abweisende Frau, an deren Frisur „etwa nicht stimmt“, in diese Márta hat er sich verliebt. Und erst seine Verletzungen nach einer Rauferei – und seine Erkenntnis, dass Márta krebskrank ist, führen die Beiden zusammen.
Die Hand sitzt locker bei seinen Protagonisten, es wird viel geprügelt, auch ein wenig totgeschlagen, betrogen und über den Tisch gezogen, es wird geliebt und auch Liebe vorgetäuscht.
Manche Novellen kommen fantastisch und surrealistisch daher, andere lapidar, böse und zynisch und trotzdem irgendwie auch witzig. Doch das Lachen bleibt dem Leser meist im Halse stecken – denn hinter der scheinbaren Situationskomik, der scheinbaren Idylle, lauert bereits die nächste Derbheit, die nächste Brutalität.
„ Mich interessieren die Existenzen am Rande der Gesellschaft“ sagte Darvasi bei einer Lesung – „intakte Gestalten sind langweilig und geben wenig Stoff her“. Und, „der Kernpunkt jeder Erzählung hat einen wahren Bezug, um den sich eine Erzählung spinnt“. Darvasi beobachtet genau, selbst wenn fantastische, unwirkliche Züge das Ende einer Novelle bilden.
Man muss nur die Zeitung aufschlagen, Radio hören, fernsehen, dann weiß der Leser gleich, wie nah auch hierzulande das Grauen hinter einem „normalen“ Leben lauert. Auch wenn die Novellen in Ungarn spielen – sie sind überall möglich. Klar, es gibt ein paar Bezugspunkte zur ungarischen Geschichte und Politik – von Verrat und Geheimpolizei – trotzdem könnte das meiste auch woanders geschehen.
Der Band ist in drei Abteilungen aufgegliedert: Gott – Heimat – Familie.
Gleich im ersten Abschnitt will ein Vater seinem geistig behinderten erwachsenen Sohn Begriffe beibringen – doch der kann sich an nichts erinnern – auch nicht an einen selbst kreierten Namen für eine Blume. Nur daran kann er sich erinnern, dass Mutter gegangen ist.
In der nächsten Geschichte kommt ein Vater mit seiner unförmigen behinderten Tochter täglich zum Strand. Sie nickt ständig, kann prima schwimmen, hat aber Angst eine Treppe hinaufzugehen.. Eine Gruppe von Jungen fühlt sich bemüßigt, sich um sie zu kümmern und zu weit mit ihr hinauszuschwimmen.
In einer weiteren Geschichte fühlen sich Bauarbeiter, die an einem Gotteshaus arbeiten, durch das Geplapper eines Papageis nachdrücklich so gestört, dass sie ihm ein gewaltsames Ende setzen. Dabei hatte der doch nur die Gespräche mit einem Einsamen wiedergegeben.
Da ist auch die Geschichte vom verunglückten Trommler, der als Einziger einer Musikergruppe überlebt hat. Stur will er seinen Auftrag erfüllen für eine Gruppe von Patienten zu spielen, die durch das gemeinsame Hören von Musik von ihren Verrücktheiten geheilt werden sollen. Er schafft es auch für sie zu trommeln, während ihm Blut aus dem Ohr sickert.
Immer wieder kommen die Aggressionen zur Sprache, von denen Menschen überfallen werden, wenn sie das scheinbare Glück anderer beobachten, wo sie doch selbst in einer unglücklichen Situation leben. Sie würden gern dreinschlagen, totschlagen, das Glück anderer niedermachen, bis sie erkennen müssen, dass auch deren Glück nur ein vordergründiges ist. Danach fühlen sie sich wie befreit. („Wo wohnt die Erde?“)
Oder die Aggression gegen den Vater, dem ein Fremder so ähnlich sieht, dass der Sohn den Fremden stellvertretend einfach niederschlagen „muss“, dann aber nicht mehr weiter weiß.
Skurril wird es in der Erzählung „Der Sturz“, in der ein Mann von der Leiter fällt, bewegungsunfähig bleibt, aber sein Denk- und Beobachtungsvermögen noch völlig intakt sind. Er muss miterleben, wie die Familie sich seiner entledigt, ihn weit unter Preis verkauft. Verschiedene weitere Leute nehmen ihn in Besitz, bis sich ein Kleinkrimineller im Gefängnis seiner annimmt, um endlich, nach der gemeinsamen Entlassung diesem Leben ein Ende zu machen, „weil er so gern tötet“.
Skurril ist auch die Novelle vom „Tod meines Nachbarn“, in der ein Ehepaar sich so paranoid beobachtet fühlt, dass der Mann beschließt, den Nachbarn zu töten. Doch der kommt ihm durch Selbstmord zuvor. Er hinterlässt ihm aber ein unvollständiges Manuskript mit dem Titel „Der Tod meines Nachbarn“. Und der ist sich sicher, dass er von nun an bis in alle Ewigkeit von diesem beobachtet wird.
Auch zum Thema „Familie“ hat Darvasi einiges beizutragen: Gleich in der ersten Erzählung ist der größere Bruder auf den jüngeren, der vor vielem Angst hat, nur nicht vor verheerenden Fernsehnachrichten, so eifersüchtig, dass er ihn nachts aus dem oberen Stockbett schubst. Doch der Vater, der vieles zu reparieren weiß, hat den Kleinen aufgesammelt (lebend oder tot) und ihn in die Mitte des Ehebetts gelegt.
Und die Tochter schminkt ihre im Koma liegende Mutter so, dass sie sich auf die letzte Reise machen kann: „Geh, Mutter. … Hab keine Angst. Du wirst ihm gefallen.“
Selber lesen, kann ich nur dazu sagen. In der ausgezeichneten Übersetzung von Heinrich Eisterer; mehr wird nicht verraten. Aber Achtung: Nicht zu viel auf einmal! So viel Bosheit und menschliche Abgründe kann man sonst nicht ertragen.

Dieser Beitrag wurde unter 1. Rezensierte Autoren: Rezensionen, Darvasi, László - "Wintermorgen" veröffentlicht. Setzen Sie ein Lesezeichen auf den Permalink.

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.