Rezension: Péterfy, Gergely – “Der ausgestopfte Barbar”

Der ausgestopfte Barbar
Roman
Aus dem Ungarischen von György Buda
Verlag Nischen, Wien 2016
ISBN: 978-3-9503906-2-9
Originaltitel: Kitömött barbár, 2014
Bezug: Buchhandel, Preis: 28,00 Euro

Als Sophia im Dachgeschoß des Hof-Naturalienkabinetts im Magazin stand und sich dem schwarzen Körper des Angelo Soliman gegenübersah, der aus einem tiefroten Schrank herauszutreten schien, zog ihr ganzes Leben an ihr vorüber. Es war zwei Monate nach dem Tod ihres Ehemanns, des gebildeten Literaten und Freigeistes Ferenc Kazinczy. Er hatte ihr, kurz bevor an der Cholera starb, alles über das sonderbare Leben seines Freundes, des Hofmohren erzählt.
In dieser Zeit schrieb er, bereits todkrank, an seinen Memoiren, um der Nachwelt nachzuweisen, warum er was wie getan hatte. Zum eigentlichen Punkt, zur Erzählung über seinen Freund Angelo, konnte er nicht vordringen, weil er das Unaussprechliche, den Skandal gegen die Würde eines Menschen, die Leichenschändung nicht aussprechen konnte. Er würde es nie niederschreiben können: Sophia wurde sein Sprachrohr, d. h. sein Schreibwerkzeug, die Erinnerung der Geschichte seiner Freundschaft mit Angelo, dem wichtigsten Menschen seines Lebens, den er als noch junger Mann kennen gelernt hatte. Soliman war damals schon Hauslehrer am Hofe Josef Liechtensteins und bereits 65 Jahre alt. Allmählich begriff ich, dass er mich dazu bestimmt hatte, anzuhören, wer er sei und was ihm geschehen sei, und viele Jahre später, als wir am Ende unserer Geschichte angekommen waren, erkannte ich auch, warum ich der Einzige war, von dem er Verständnis erwarten konnte.
Die Ereignisse spielen zur Zeit der Aufklärung und ihrer Unterdrückung während der Französischen Revolution, zur Zeit der Überwachung und Bespitzelung im Habsburger Reich, sowohl in Wien, das nach einer Zeit der Freiheit wieder in dumpfen Aberglauben und Rachedurst gegen Andersdenkenden zurückfiel, als auch in Ungarn, wo Unwissenheit und Unkultur geradezu als „national“ galten. Die Hauptsache war doch, sich gegen den Adel, die Obrigkeit und gegen Neuerungen zu stellen, geschickt verbrämt mit Unterwürfigkeit, Denunziantentum und Liebedienerei.
Ferenc und Angelo ähnelten sich wie die Vorder- und Rückseite einer Münze: Der eine weiß, der andere schwarz, doch beide Fremde, Ausgestoßene, Verlachte, trotz ihrer Gelehrsamkeit und Freiheitsliebe. Kazinczy war nicht nur der von der Nachwelt verehrte Neuerer der ungarischen Sprache in Wort und Schrift, sondern zu seinen Lebzeiten der Verfemte, der Revolutionär, der Staatsfeind und der zu sieben Jahren Kerker verurteilte angebliche Jakobiner.
Sie sahen sich Fremdenhass gegenüber, dem Unverständnis für alles, was nicht althergebracht war, Vorurteilen und Aberglauben. Um sie auszulöschen oder in Ungnade zu bringen, wurden Intrigen gegen sie ersonnen, mit größter Perfidie, jeder erdenklichen Bosheit und Grausamkeit.
Der eine, Angelo, war den Menschen seiner Zeit nicht geheuer, weil er schwarz war – seine Haut war seine Identität – und eben nicht „wild“, sondern gelehrt. Der andere, Ferenc, kunstsinnig und hochgebildet, war etwas realitätsfremd und nicht „ganz von dieser Welt“. Er suchte diese Welt zu verändern, zu verfeinern mit Ästhetik und Kultur, die einfachen Ungarn aus dem „Barbarentum“ herauszuführen mit seiner unermesslichen Bildung – und musste doch kläglich Schiffbruch erleiden. Ferenc war ihnen fremd und in seiner Fremdheit lauerte die Gefahr, denn man konnte nie wissen, über welch geheimes Wissen er verfügte, mit dem er ihnen schaden konnte. … Was neu und nicht diesem Landstrich entsprungen war, … das konnte nur die Missgeburt böser Kräfte sein und demzufolge schädlich und Verderben bringend. … Die neuartigen Gebäude, Menschen in ungewohnter Kleidung, die neuen, aus Afrika und Amerika importierten Pflanzen erregten ihren Widerwillen und Zorn…. sie setzten auch alles daran, sie zu zerstören und auszurotten. In allem wurde er gründlich missverstanden. Erst viel später konnte die Nachwelt überhaupt ermessen, was ihnen geschehen war: Bei Angelo Soliman ist es eher der Skandal, der im Gedächtnis haften bleibt, dass er als „Wilder“ ausgestellt wurde wie ein wildes Tier, eine Trophäe im Naturalienkabinett des Hofes – bei Kazinczy ist es die Leistung für die ungarische Sprache. Er wird heute in einem Mausoleum in Széphalom gewürdigt, dem Denkmal der ungarischen Sprache.
Angelo wurde als Kind geraubt – später werden sich die abenteuerlichsten Gerüchte um seine Herkunft spinnen -, als Sklave verkauft und an verschiedene Fürstenhöfe weiterverschenkt, oder als Erbmasse weitergereicht. Als Schau-, Prunk- und Vorzeigeobjekt wurde er angefüllt mit dem Wissen seiner Zeit. Und da er ein intelligenter Knabe war, eignete er sich dieses Wissen auch nach und nach selbst an, ohne es nur – wie auf Knopfdruck – von sich zu geben und nachzuplappern. – Fürst Lobkowitz, sein zweiter Besitzer, hatte beschlossen, aus diesem Exemplar der schwarzen Rasse einen in allen Belangen tadellosen Weißen zu gestalten. Angelo war damals acht Jahre alt. Er sollte das Geschöpf seines jeweiligen Besitzers sein, das stolz vorgezeigt werden – aber bei Nichtgebrauch auch in die Ecke und in die „Reservatenkammer“ gestellt werden konnte. Nicht nur war er Kenner der Mineralien und exotischen Sammlung des berühmten Mineralogen Ignác von Born, Soliman sprach sechs Sprachen, wusste Klavier zu spielen, zu komponieren und Reime zu verfassen.
Erzogen in der damaligen Pädagogik war er ein belesener, wissender und gesuchter Erzieher, ein gesuchter Ratgeber vieler bekannter Persönlichkeiten. Dazu kam seine Mitgliedschaft in der Freimaurerloge „Zur wahren Eintracht“, deren Vizemeister er sogar eine Zeit lang war.
Er hatte heimlich geheiratet – und wurde dafür von Fürst Josef Wenzel zu Liechtenstein von dessen Hof verbannt. Seine Frau Magdalena starb früh, geblieben war ihm seine braunhäutige Tochter Josepha.
Die Frauen rissen sich um ihn, es war „chic“, wenn der hochberühmte Sarazene sich mit ihnen abgab. Doch er erfuhr nicht nur Hochachtung ob seiner gelehrten Persönlichkeit, sondern viel mehr „niederträchtige und plumpe Streiche, grobe Angriffe sonder Zahl“. Soliman selbst studierte stoisch seine Zeitgenossen, die Bewunderer und Schmeichler, die Übeltäter und Dummen.
Auch Sophia, Ferenc Kazinczys Frau, Tochter eines Alchemisten und Freimaurers war genau genommen in einer solchen Lage: Zunächst vom Vater, später vom Ehemann angefüllt mit Wissen und Kultur, war auch sie ein Geschöpf ihrer „Besitzer“. Sie war der makellose Grundstoff, aus dem ein Ehemann eine zu ihm passende Frau gestalten konnte. Sie sollte lesen – in der passenden Umgebung versteht sich – ihrem Gatten eine gleichwertige Diskussionspartnerin sein, sich so geben und kleiden, wie die Ehefrauen seiner angebeteten Literaturgötter, z. B. Christiane Goethe oder Magdalena Schiller. Als sie diese Rolle endlich abstreifen konnte, ging auch in ihrer Ehe etwas zu Ende. Wir maßen alle unsere Taten daran, wie weit wir uns durch sie von der Barbarei entfernten und wann das erhoffte Publikum, das uns aus der Zukunft beobachtete, klatschen und wann es sich langweilen würde. …..Ich konnte nicht in die Kammer treten, nicht über den Hof gehen, ohne zu fühlen, ich sei ein Teil einer Geschichte, einer Aufführung, einer meisterhaften Erzählung. Sie wurden so zu Gefangenen ihres eigenen Anspruches, sich aus der Barbarei zu erheben, Lehrmeister und Vorbilder künftiger Generationen zu sein.
Wie der, später mit Holz und Sägemehl ausgestopfte Soliman, wurde auch Sophia ausgestopft mit Wissen und Erwartungen. Ihre eigene Situation beschreibt sie mit Ingrimm, Humor und Selbstironie.
Dass das Ehepaar Kazinczy im praktischen Leben und in der Erziehung seiner Kinder erfolglos war, indem es zu hohe Erwartungen und Anforderungen an seine Nachkommen und an die Umwelt stellte, versteht sich fast von selbst. Dass aber seine Umwelt, die Bauern, die Adeligen, ja die eigene Familie so gar nicht sehen wollten, welche Schön- und Freigeister sich da um ein kultivierteres Leben bemühten und all ihr Sinnen und Trachten darauf richteten, als Vorbilder die Welt besser und ästhetischer zu machen, das ist schwer zu verstehen. Ja, die Bosheit und Verbrechen der Familie gegen ihn und seine Frau wogen um so schwerer, als die Verwandtschaft selbst in ihren dunklen und schwarzen Schatten lebten, die Gesellschaft aber auf ihrer Seite hatte.
Wie es dazu kommen konnte, dass Soliman seine Haut – wahrscheinlich gezwungenermaßen – dem Kaiserlichen Hof vermachte, und wie sein Freund Ferenc, für einen Tag aus dem Gefängnis entlassen, das Ausweiden und Ausstopfen seines Freundes mitansehen musste, das erzählt Gergely Péterfy in einem hochspannenden kulturhistorischen Krimi: Zehn Jahre lang hatte er in österreichischen Archiven nach diesem Exoten geforscht und seine Geschichte der Fremdheit und des Unverstandenseins gedeutet. Gleichzeitig lesen wir eine aufregende Geschichte der Habsburger in dieser Zeit, ihrer Kriege und ihrer Niederlagen.
Natürlich hatte sich Soliman den Argwohn des Hofes zugezogen durch seinen Umgang mit revolutionären Ideen und deren Befürwortern. Das ließ man ihn spüren und bedrängte ihn, seine Haut zur wissenschaftlichen Anschauung zu spenden. Seine Tochter Josepha lief zwar noch lange Zeit Sturm dagegen und forderte die Herausgabe der gesamten sterblichen Überreste ihres Vaters, doch vergebens. Zehn Jahre lang stand der ausgestopfte Angelo Soliman im Naturalienkabinett des Hofes, bis er – unansehnlich geworden – ins Magazin verbannt wurde – und mit ihm die ausgestopften Tiere und weitere dunkelhäutige Personen. … Seitens des Hofes handelte es sich offenbar um schiere Arroganz, um ein machttrunkenes Schwelgen, das einzige Ziel sei, in der Person Angelos jeden zu erniedrigen, der je sein Leben in den Dienst aufklärerischer Idee gestellt hatte, und triumphierend seine Macht über unsere Körper zu demonstrieren. Sie würden ihn unter die Tiere verbannen, neben den präparierten Tapir, das Wasserschwein, den Schakal und den ausgestopften Kanarienvogel…. Angelo war die Geschichte seiner Haut, und diese Geschichte kannte nur ich (Ferenc Kazinczy) in ihrer vollen Tiefe und in allen Einzelheiten. … Ferenc sollte das einzig Mögliche tun: aussprechen, was ihm, Angelo, widerfahren war.
In den Wirren des ungarischen Freiheitskampfes 1848/49 verbrannte das ganze Inventar des kaiserlichen Magazins. Eine späte Feuerbestattung.
Péterfy verschlingt kunstvoll die Leben seiner Protagonisten und ihrer Zeitgenossen mit den Erinnerungen der Erzählerin Sophia Török von Szendrő. Sie erinnert sich Kapitel für Kapitel weiter zurück, stehend und schauend im Naturalienkabinett des Hofes, bis ihr im letzten Kapitel die Choleraepidemie den Ehemann nimmt, sie selbst aber befreit: Als ich schließlich im Magazin auf dem Dach des Hof-Naturalien-Cabinets verweilte und der schwarze Körper mir aus der glühenden Tiefe des roten Schranks entgegentrat, wusste ich schon, dass ich vor mir selber stand.
Nicht nur der Roman von Péterfy ist überaus atemberaubend und spannend zu lesen, Vergnügen bereitet auch die kompetente Übersetzung von György Buda im passenden Wiener Idiom.

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